Gummiseilstart – wie funktioniert’s ?

 

Früher und heute:

Der Startmodus mittels Gummiseil wurde in der Schweiz ab den dreissiger Jahren an etlichen lokalen Standorten praktiziert. Einige bekannte Orte wie die Rigi, der Gornegrat, das Jungfraujoch oder Muottas Muragl wurden bis anfangs der fünfziger Jahre benutzt und sind den schweizerischen Segelflugveteranen in bester Erinnerung. Ab 1985 fanden noch Erinnerungsstarts auf dem Jungfraujoch statt. Diese gaben unter anderem den Anlass zur Gründung der OSV. 2013 organisierte die OSV im Rahmen der 1997 wieder aufgenommenen Tradition während eines Tages wieder Gummiseilstarts ab der Rigi.. Einige der damals benutzten Segelflugzeuge starten bei passender Gelegenheit auch heute noch mit dem Gummiseil.

Der oben abgebildete Spalinger S-19 HB-225 war auf dem Jungfraujoch und bei den ersten Starts ab der Rigi bereits dabei. 2013 startete er ebenfalls ab der Rigi und dieses Jahr, 2018, auch ab Mauborget.

Auf der Webseite der OSV befinden sich weitere Dokumente unter der Rubrik ‘’ Berichte → Gummiseil ‘’’

Die Startvorrichtung :

Sie besteht aus einer Schiene, deren Elemente mittels grosser Baunägel im Boden verankert sind, sowie einer ebenfalls auf dem Boden aufgenagelten Rückhalteplatte, welche mit einer Tost-Kupplung und einer elektronischen Messzelle ausgerüstet ist. Das Gummiseil wird an die Tost-Kupplung gehängt, welche die Zugkraft bis zum endgültigen Loslassen des Segelflugzeugs übernimmt. Die Seilkraft wird beim Auslösen der Kupplung mittels eines Verbindungsseils zum Segelflugzeug übertragen. Dies erübrigt die früher benötigte Rückhaltemannschaft, deren Aufgabe es war, das Segelflugzeug bis zum endgültigen Start festzuhalten.

Die ab 2013 montierte elektronische Messzelle liefert noch nicht immer brauchbare Daten. Die alte Messvorrichtung bleibt deshalb weiterhin im Einsatz. Es handelt sich um ein Stück Seil, welches am Gummiseil angebracht ist und durch einen Ring, welcher auf der halben Länge des Stücks Seil auch am Gummiseil befestigt ist. Wenn der am Ende des Stücks Seil angebrachte Tennisball den Ring erreicht bedeutet dies, dass das Gummiseil auf seine doppelte Länge gespannt ist und somit seine maximale Kraft erreicht hat. → Nun kann das Segelfluzeug losgelassen werden.

Das Gummiseil :

Das heutige Gummiseil ist vergleichbar mit den für das Bungie Jumping verwendeten Gummiseilen. Es ist eine Spezialanfertigung und enthält ca. 700 in einer geflochtenen Hülle eingewickelte Gummifäden. Es kann auf seine doppelte Länge ausgedehnt werden. Die theoretische Zugkraft die bei dieser Ausdehnung erreicht wird, beträgt 5000 N. Die Reibungsverluste auf dem Boden müssen leider dazu gerechnet werden. Sie können beträchtlich sein. Um die maximale Wirkung zu erreichen muss das Gras am Startplatz unbedingt so niedrig wie möglich gemäht werden.

Die Gummihunde :

Damit das Gummiseil wie früher vor Hand gespannt werden kann braucht es viele Helfer (die Gummihunde). 5000 N auf 20 Helfer aufgeteilt ergibt immer noch 250 N (25 Kg) pro Helfer, dies ohne die durch den Boden verursachten Reibungskräfte zu berücksichtigen. Für die Flachlandstarts sind 20 Gummihunde daher ein absolutes Minimum. Am Hang hilft das eigene Körpergewicht, so dass die Mannschaft etwas reduzierert werden kann. Es ist schwierig, ausreichend Freiwillige zu finden, welche meistens selber nicht starten können. Natürich sind mehr Mithelfer anwesend, wenn viele Piloten da sind. Idealerweise braucht es mindestens 10 Segelflugzeuge (oder 10 Piloten für dasselbe Segelflugzeug). Darunter wird es schwierig ausreichend Hilfspersonal zu finden.

Die Startprozedur :

Zuerst finden die Briefings auf dem Landefeld und auf dem Startgelände statt. Die Piloten müssen über die enorme Beschleunigung beim Start genau im Bild sein und wissen, wie sie zu reagieren haben. Die Segelflugzeuge werden in weniger als zwei Sekunden von 0 auf 70 Km/h beschleunigt. Die Luftströmung liegt aber am Flügel erst nach einigen Sekunden wirklich an. Die Piloten werden also zuerst buchstäblich ballistisch katapultiert, bevor sich die Aerodynamik einspielen kann und die Maschine voll kontrollierbar wird. Man darf auch nicht ausser Acht lassen, dass die Beschleunigung nach der Anfangsspitze konstant nachlässt.

Die Gummihunde müssen ihre Aufgabe perfekt kennen : das Gummiseil darf nie losgelassen werden, auch wenn man zwecks Entlastung zurück laufen muss. Sie müssen auch auf einem Fehlstart vorbereitet sein. Das Gummiseil kann auf sie zurückspicken und sie zu Fall bringen. Das Segelflugzeug kann die Gummihunde überrollen und sich den Platz freibahnen für das Stoppmanöver.

Beim Befehl ‘’ Ziehen ‘’ spannt man das Gummiseil im Bergsteiger-Schritttempo und beim Befehl ‘’Seckeln’’ läuft man doppelt so schnell weiter bis das Gummiseil gespannt ist oder sich entspannt (während des Segelflugzeugstarts). Beim Befehl ‘’Halt/Stopp’’ muss sofort angehalten und langsam zurückgegangen werden um das Gummiseil zu entspannen.

Eignung der Segelflugzeuge für den Gummiseilstart :

Nur leichte Segelflugzeuge eignen sich wegen der niedrigen Abhebegeschwindigkeit für den Gummiseilstart. Generell sind die Laminar-Flügelprofile zu schnell für eine solche Übung. Die alten Segelflugzeuge wurden damals speziell für die starke Beschleunigung dimensioniert, so dass ihre Flügel nicht durch die starken Trägheitskräfte nach hinten zurückgeklappt werden können. In ihrem Flughandbuch findet man zum Teil den Wert der höchstzulässigen Beschleunigung beim Start. Einige Segelflugzeuge waren mit einer im Schwanz montierten Rückhaltekupplung ausgerüstet, um den Start kontrolliert erst bei der maximalen Gummiseilspannung auszulösen.

Ausbildung der Nachwuchspiloten :

Diese Startart ist keine Exklusivität für ältere Piloten, welche sie in ihren jungen Jahren praktizierten. Es handelt sich aber wegen den vielen erforderlichen Helfern ausschliesslich um einen Teamsport. Einige Fluglehrer sind berechtigt, das Wissen weiter zu vermitteln. Man kann diese Weiterbildung an verschiedenen Orte erwerben, unter anderem auf der Wasserkuppe. In der Schweiz kann die OSV Lehrgänge im Flachland in Absprache mit den Kandidaten organisieren. Da die erforderlichen 20 Gummihunde auch dabei sein müssen, kann die Übung nur bei bestimmten Gelegenheiten stattfinden. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich bei den im Herbst organisierten Gummiseiltagen in Hayingen in Deutschland, siehe OSV-Agenda .

Zugang zu geeigneten Segelflugzeugen :

Die OSV besitzt keine eigenen Segelflugzeuge. Sie ist nur eine Vereinigung der Oldtimersegelflugzeug-Freunde. Etliche Mitglieder besitzen ihre eigene Maschine. Man kann auch Aktivmitglied eines Vereins wie dem OCS in Schänis werden oder an der Stiftung Segel-Flug-Geschichte aktiv teilnehmen, was jeweils den Zugang zu den Flugzeugen dieser Gruppen ermöglicht. Mehrere Segelfluggruppen in der Schweiz besitzen eine oder mehrere ältere Maschinen, welche gerne bewegt werden möchten. Privateigentum oder eine Haltergemeinschaft bleiben jedoch der klassische Weg.